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Cooler Jazz und mehr

 

In Köln wurde ein Eiscafé auf der Hohe Strasse ab 1949 zum Mekka für alle Jazz-Fans. Inhaber waren die Italienerin Gennarina Campi und ihr Sohn Gigi Campi. Eine Charlie Parker Platte, die Gigi Campi im Jahre 1948 zu hören bekam, wurde zur Initialzündung für den jungen Journalisten der Mailänder „Avanti”-Redaktion, und ließ ihn ab Anfang der fünfziger Jahre in Köln zum Veranstalter zahlreicher Jazz-Konzerte, Tourneen und Platten-Produktionen werden.

Gigi Campi, Jazz-Impresario

 

„In den fünfziger und sechziger Jahren war Köln eines der wichtigsten Zentren für Musik, mit wahnsinnigen Konzerten und Studioproduktionen. Da waren wir mit unserem Jazz, die Kenny Clarke-Francy Boland-Big Band im „Campi” und auf der anderen Seite das Orchester Kurt Edelhagen im WDR. Davon ging eine Stimmung aus, von der alle profitierten. Köln hat in diesen Jahren „gekocht”. Ich war besessen von der Idee, in der Stadt ein gutes Fundament zur Kommunikation zu entwickeln. Im „Campi” sind nicht nur die Ideen zu den großen Jazz-Konzerten und Shows mit Musikern wie der Clarke-Boland-Big Band entstanden, sondern auch viele Filmideen. 

Der von Campi bevorzugte Cool-Jazz beherrschte in den 1950er-Jahren die Szene und auch die Kenny Clarke-Francy Boland-Big Band, zu deren Begründer Campi gehörte, spielte ihn. Ab 1951 veranstaltete Campi die Reihe „Concerts in Modern Jazz”, 1954 gründete er die erste unabhängige Jazz-Plattenfirma Europas: „Mod-Records” und sein Eiscafé wurde zum Szene-Treff für einheimische Musiker, Schriftsteller, Maler, Filmemacher und auswertige Künstler, die in Köln gastierten. 

Bis 1980 betrieb Campi das Kult-Lokal, in dem er prominente Gäste wie Juliette Greco, Maria Callas, Dizzie Gillespie, Louis Armstrong und Duke Ellington begrüßte. Josef Beuys, Heinrich Böll und Jürgen Becker waren ebenso im „Campi” anzutreffen, wie Trude Herr, die gelegentlich mit Dixie-Musikern zu kölschen Texten jazzte. 

Die Eisdiele in „Felder“ von Jürgen Becker

 

„Heißer Jazz und kaltes Eis” , eine WDR-Produktion aus dem Jahre 1964 porträtiert den Jazz-Impresario und sein Eiscafé.
Der Film visualisiert einen Text des Kölner Schriftstellers Jürgen Becker aus seinem Buch „Felder” (der deutschen Übersetzung des Wortes „Campi”), in dem er seine täglichen Besuche bei „Campi” beschreibt. Schon die ersten Sätze des im Bild nie erscheinenden Sprechers ließen aufhorchen, denn die eigenwillige Sprache war in den Filmfeuilletons der sechziger Jahre eine Seltenheit:
„Immer wenn die regenschwarze Schlucht der Hohe Straße einmal ich rauf und runter gelaufen war, steuerte ich auf Campis ewige Espresso-Bar zu, vor einigen Zeiten geschah das jeden Tag oder Mittag. Den Schlauch von Bar passierte ich immer zunächst mit ein paar fixen Seitenblicken auf die Typen hinter den Tischen auf der langen Bank, und immer wenn ich einen von den lieben Bekannten, die zu sehen nicht unbedingt mein größter Wunsch gewesen war, rechterhand da sitzen sah, setzte freundlichst nickend meine Route ich fort.”

Die Kamera fängt – begleitend zum Text – Bilder von der Hohe Straße und dem Eiscafé ein. Sie lenkt den Blick in den schummrigen Raum am Ende der Bar, bevor sie an einem runden Tisch verweilt. Beobachtet werden „die Carlos und Angelos, die alle ungeheuer rapide an den originalen Machinen hantierten” und den Chef, der an der Kasse sitzt: „Gigis schwarze Bürste stand immer hoch und so starr, wie er dich angucken konnte, ohne von dir überhaupt was zu sehen, denn er hörte immer etwas in the air, was völlig identisch war mit Jazz”. Neben den Bar-Szenen sieht man Gigi Campi auch als Produzent im Studio, wo er gerade mit Jimmy Woode Jr. & the Clarke-Boland-Latin-Group die LP „Viva Woodee“ aufnahm. 
Campis Kommentar zu dem Film von Gianni Piaggi: „Jürgen Becker schrieb fast autobiographisch. Er hatte ein unmittelbares Empfinden für Situationen, das macht auch die Stärke der Geschichte aus. Entstanden ist ein wunderbarer Film, der auch vom Understatement der Kamera lebt. Jürgen Becker hatte erst von der Realisierung erfahren, als der Film fertig war. Und er hat sehr gut darauf reagiert. Nicht zuletzt freute er sich über die Punkte, die er bei der Verwertungsgesellschaft Wort dafür bekommen hat.”

Stadtbilder

 

Auf eine eigenwillige Weise gelingt dies auch Grytzko Mascioni in dem Filmfeuilleton „Die Show liegt auf der Straße”, das er für Campi Music im Jahre 1967 drehte. In einem musikalischen Spaziergang durch die Stadt trifft Jimmy Woode Jr. auf die „Showmänner und -frauen des Alltags”, die täglich aufs Neue ihr Publikum finden: Passanten auf der Hohe Straße, einen kleinen Jungen in der Flora, einen Eisverkäufer, einen alten Blockflötenspieler am Ebertplatz, eine Zeitung lesende Frau, einen Obdachlosen am Straßenrand, Arbeiter beim Entladen eines Rheinschiffes im Rheinauhafen, Verkäuferinnen auf dem Großmarkt, Kirmesbesucher in der Südstadt und elegante Frauen in einer Cocktailbar.
Nur zu Beginn stimmt Woode Jr. in einem kurzen Kommentar auf den Stadtspaziergang ein, danach wird die Atmosphäre des Schwarz-weiß-Films durch die Jazzmusik des Clarke-Boland-Sextetts geprägt. Kurze Momente aus alltäglichen Situationen der verschiedensten Menschen lassen den Blick auf Abseitiges schweifen, das ansonsten im Trubel des Alltags kaum wahrgenommen wird. 

In den sechziger Jahren war es noch eine Ausnahme, dass Kölner - so wie in diesem musikalischen Stadtspaziergang - in ihrem Alltagsleben von der Kamera aufgenommen wurden. Im Vergleich zu den überwiegend touristischen Werbefilmen über die Stadt taucht in „Heißer Jazz und Kaltes Eis” und „Die Show liegt auf der Straße” ein Ausschnitt Kölner Lebens auf, das dem „Städtebild Köln” neue Akzente verliehen hat.

Portrait Charlie Mariano

 

Er war einer der Großen des Jazz: der Saxophonist Charlie Mariano. In Boston als Kind italienischer Einwanderer geboren, spielte er als junger Mann mit Charlie Parker und Dizzy Gillespie in den USA zusammen. In den 1970er-Jahren kam er nach Europa - und beeinflusste den europäischen Jazz ebenso wie er Generationen von Musikern inspirierte. Im Juni 2009 starb er im Alter von 85 Jahren.

Die letzten 20 Jahre seines Lebens lebte er in Köln. Axel Engstfeld begleitete ihn in seinem letzten Jahr mit der Kamera. Neben Konzerten im Kölner Stadtgarten steht sein letztes großes Konzert im Theaterhaus Stuttgart zu seinem 85. Geburtstag im Mittelpunkt der Dokumentation „Charlie Mariano - Last Visits“
Gemeinsam mit seinen Wegbegleitern Jasper van't Hof und Philip Catherine, die ihre Gage für den schwerkranken Mariano spendeten, stand er noch einmal auf der Bühne. Nur wenige Interviewpartner wie Mike Herting, Marianos langjähriger Partner, sucht der Filmemacher auf, doch dies verstärkt nur die Kraft seiner Dokumentation.