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Dokumentationen

 


Die Auswahl dokumentarischer Arbeiten von Studenten und Studentinnen der ifs und KHM bietet Orte und Personen, die den Porträts und Alltagsbeobachtungen ihren je spezifischen Stempel aufdrücken: der kölsche Zungenschlag einer Gemüseverkäuferin in der Innenstadt, ein Kioskbetreiber und seine besondere Biografie zwischen DDR, Coming Out und Repression, eine S-Bahn-Haltestelle und ihre unmittelbaren Anwohner.

„Promise“ von Bünyamin Musullu, 2018, ifs

 

Der 10-jährige Promise lebt mit seiner Mutter und den jüngeren Geschwistern im Kölner Flüchtlingshotel „Mado“.
 ifs-Absolvent Bünyamin Musullu porträtiert den Jungen in seinem Alltag, beim Toben mit den Geschwistern, beim Herumstreunen im Hotel und auf der nahelegelegenen Uniwiese. Er ist ein neugierieger, wissbegieriger Junge, der sich gerne mit anderen Bewohnern des Hotels unterhält.
Mit der kleinen Fotokamera, die Bünyamin Mussullu ihm schenkt, hält er begeistert Ungewöhnliches und Alltägliches seiner Umgebung fest. Seine Perspektive steht im Zentrum.

„Der schwule Neger Nobi“ von Wilm Huygen, 2009, KHM

 

Andreas Göbel betreibt einen Kiosk in der Kölner Innenstadt – das Hinterzimmer ist mit Liebe zum Detail vollgestellt, die Wände mit Fotos, Postkarten und Plakaten bedeckt: Erinnerungsstücke aus seinem bewegten Leben.
Seine Biografie ist in mehrfacher Hinsicht grenzüberschreitend: als schwuler Farbiger in der DDR, aufgewachsen bei seiner alleinerziehenden Mutter, eine Ausnahme-Erscheinung in der Provinz. Seinen Spitznamne „Nobi“ verdankt er einer Zeichentrick-Serie des DDR-Kinderfernsehens, dem kleinen „Negerjungen Nobi“. Als Andreas Göbel merkt, dass er „anders“ ist, versucht er zunächst sein Glück in Berlin, weiß aber bald, dass er raus will in den Westen. Wegen seines Ausreiseantrages wird die Stasi auf ihn aufmerksam und nach einem Fluchtversuch kommt er für ein Jahr ins Gefängnis. 

„Der schwule Neger Nobi“ begleitet ihn zurück an die Orte seiner Jugend, er besucht seine Mutter und einen früheren Freund, läuft durch das inzwischen leerstehende Gefängnisgebäude.
Die Dokumentation seiner Biografie führt im Zickzack durch Deutschland, von Ost nach West, von der Provinz in verschiedene Städte, zu ganz unterschiedlichen Freunden und Ex-Liebhabern. Unter diesen ist auch einer, der ihn damals an die Stasi verraten hat. Aber auch sein Kölner Leben läuft nicht immer so glatt, wie er es sich wünscht. Sein Optimismus allerdings ist unerschütterlich und sehr einnehmend.
Wilm Huygen enthält sich in seinem Porträt jeden Kommentars. Der Protagonist und seine Eloquenz sprechen für sich.

„Haltestelle Hansaring“ von Tama Tobias Macht, 2008, KHM

 

Der sechsminütige Film folgt einer Bewegung von innen nach außen: der Ausblick aus einem Fenster, ein überdachter Bahnsteig, Menschen, die offensichtlich warten. Eine S-Bahn fährt vorbei. Im Innern der Wohnung ist die Haltestelle ständig präsent, der Wechsel von Ruhe und Bewegung, sich sammelnden Fahrgästen, dem Ein- und Abfahren des Zuges, der leere, sich langsam füllende Bahnsteig.
Und auch die Menschen auf dem Bahnsteig blicken um sich, schauen ins Leere oder gezielt in die Fenster der Häuser, deren Rückseiten direkt am Bahngleis liegen. Die Kamera wechselt die Position, verlässt die Innenräume und befindet sich auf dem Bahnsteig zwischen den Fahrgästen.
„Haltestelle Hansaring“ ist eine kleine aufmerksame Studie über einen Ort zwischen Innen und Außen, Bewegung und Stillstand, privatem und öffentlichem Raum. 

„Scheren, Baden, Trimmen“ von Daniel Siegel, 2006, ifs

 

Ein Arbeitstag im Hundesalon „Rocky“ in Köln-Ehrenfeld. Konsequent bleibt die beobachtende Kamera in den engen Räumen des Hundesalons, in dem die gelernte Friseuse Angelika Steinbach ihren haarigen Kunden mit Rasierapparat, Trimmschere und Shampoo zu Leibe rückt. Kleine und große Hunde stehen vor ihr auf dem Arbeitstisch, angeleint und mit guten Worten von ihr zur Ruhe gebracht, immer beobachtet von ihrem eigenen Hund.
Mit kölscher Schnoddrigkeit erzählt sie während ihrer Arbeit, was zu tun ist, was ihr Spaß macht und vom Camping im Bergischen Land. Auch die Hundebesitzer und –Besitzerinnen kommen bei ihr nicht ganz ungeschoren davon, wenn sie sich nicht „richtig“ um ihren Hund kümmern.
Das Porträt „Scheren, Baden, Trimmen“ verzichtet auf Kommentar und bleibt ganz in der „kleinen“ Welt des Hundesalons. Die erste Einstellung zeigt das Ladenlokal von außen, der Rollladen geht auf – am Ende schließt sich der Kreis, der Rollladen wird wieder runtergelassen.

„Wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert“ von Claudia Indenhock, 2004, KHM

 

Pascal, Jasmin und Patrick versuchen mit dem Projekt BUS (Betrieb und Schule) ihren Hauptschulabschluss nachzuholen. „Wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert“ begleitet die Jugendlichen bei ihren Bemühungen, zeigt kleine Erfolge und Niederlagen: schlechte Praktikumszeugnisse, weil die schulischen Voraussetzungen fehlen oder mangelnde Eigeninitiative, positive Resonanz von Patienten im Krankenhaus, der Spaß, eine Maschine zu fahren oder Computer zu reparieren. Und es sagt einiges über Schulsystem und Lernklima, wenn Pascal beim Gespräch mit dem Lehrer beklagt, dass ihm die Motivation fehlt, wenn er immer nur hört, dass er sich mehr anstrengen müsse, weil er es sonst nicht schafft ...
Claudia Indenhock ist eine Dokumentation von Jugendalltag gelungen, die den Protagonisten nahe kommt, sie mit ihren Stärken und Schwächen zeigt. Die Beobachtungen wechseln zwischen Klassenzimmer, Betrieben und zuhause, zeigen Unsicherheiten, Langeweile und Leerlauf ebenso wie das Bemühen um Anerkennung.  Dabei wird auch deutlich: auf Unterstützung der Eltern oder alleinerziehenden Mütter können diese drei Jugendlichen kaum rechnen, die Erwachsenen in ihrem Umfeld haben selbst mit genug Schwierigkeiten zu kämpfen.

„Sprech eens aanständich“ von Bettina Braun, 1997, KHM

 

Ein Film über die Kölner Mundart und zugleich über die Liebesgeschichte von Trudi und Paul.
Die gelernte Friseurin erzählt in kölschem Dialekt, wie sie vor Jahren als Verkäuferin beim Gemüsehändler um die Ecke angefangen hat. Die Arbeit gefällt ihr, sie erhält dort die Bestätigung, die ihr zuhause seit langem fehlt. Schließlich verlässt sie nach über zwanzig Ehejahren ihren Mann und die Familie und zieht zu Paul, dem Gemüsehändler. Inzwischen ist sie – nach einigen Turbulenzen – mit ihm verheiratet.
Bettina Braun beobachtet sie in „Sprech eens aanständich“ bei der Arbeit im Laden, im Gespräch mit Kundinnen und mit Paul in der Kneipe. Ihre Erzählung wird begleitet von den Ausführungen des Sprachwissenschaftlers Hilgers, der die Eigenarten des „Kölsch“ beschreibt. Zu Nahaufnahmen von ordentlich aufgereihten Apfelsinen- und Kartoffelkisten, erläutert der Sprachwissenschaftler detailgenau die morphologischen, syntaktischen und phonetischen Eigenarten der kölschen Sprache.