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Von Schachtel- und Programmkinos


Kinosaal, klassisch

Cinenova

Der massive Rückgang der Besucherzahlen in den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts führte zur Verkleinerung der Kinosäle – die sogenannten „Schachtelkinos“ entstanden: kleine Räume, mal lang und schmal, mal querformatig, je nach baulichen Gegebenheiten. Aus Filmpalästen wurden „Kinocenter“. Vorreiter war Heinz Riech, der 1972 über 30 Ufa-Kinos in der BRD übernommen hatte. So wie in anderen Städten wurde auch in Köln der Ufa-Palast im Lauf der siebziger Jahre mehrfach umgebaut: immer mehr kleine Kinosäle bis es schließlich 13 Säle gab. Die Konzentration der Ketten verstärkte sich, zum Riech-Konzern gehörten in Köln bis in die achtziger Jahre 21 Kinos, u.a. auch das Passage-Kino (7 Säle) sowie das Lux am Dom.

Ausstattung und Farbgebung in den kleinen „Schachtelräumen“ spiegelten den Stil der Zeit: florale Teppichmuster, grafische Tapeten in orange, braun oder grün, die den Bildern auf der Leinwand nicht selten Konkurrenz machten. Und auch die akustische Situation war häufig unbefriedigend, konnte man im einen Kino doch bei ruhigen Szenen die Dialoge des Films im Nachbarkino mithören.

Kino als kommunale Aufgabe?


Projektoren in der Vorführkabine

Manfred Wegener

Während die großen gewerblichen Kinos eine Krise durchmachten, entstanden gleichzeitig neue Abspielstätten, entwickelte sich eine neue Film-und Kinokultur: 1970 eröffnete das erste Kommunale Kino in Duisburg (Filmforum), ein städtisch finanzierter nicht-kommerzieller Abspielort. Ein Jahr später fing in Frankfurt das zweite Kino dieser Art an. Zahlreiche weitere Kommunale Kinos in der gesamten Bundesrepublik folgten.

In der Kölner Presse wurde die Frage eines kommunalen Kinos von dem Filmkritiker Hans C. Blumenberg so kommentiert: „Hackenberg dreht den Hahn ab“:
„Während überall in NRW kommunale Kinos gegründet werden, versagt Kölns Kulturdezernent einer Institution eine auch nur im Ansatz adäquate Unterstützung, die besser funktioniert als die meisten städtischen Spielstellen anderswo. Zur gleichen Zeit verrotten in einem Keller in der Schweizer Ladenstadt Tausende von Büchern und Zeitschriften der Cinemathek, weil das Geld für vernünftige Räume fehlt. Wie selbstherrlich und uninformiert darf sich ein Kulturdezernent eigentlich produzieren, bis die Öffentlichkeit auf den Plan tritt. Die Parteien bekundeten 1971 einhelliges Interesse  an den Nöten der Cinemathek, besonders die CDU-Opposition. Wenn Köln nicht bald wieder drittklassige Film-Provinz werden soll, müssen die Parteien jetzt ihre Chancen wahrnehmen. Kölns Ruf als kulturell aufgeschlossene Stadt ist ernsthaft in Gefahr." (Bemerkungen HCB, KStA 9.7.1972)

Das 1990 erschienene Buch „Vom Sehen im Dunkeln – Kinogeschichten einer Stadt“ (Hg. Bruno Fischli) beschrieb die Situation im Rückblick:
„Der Widerstand kam nun, wie in anderen Städten, von den gewerblichen Kinos, die um ihre Pfründe fürchteten. Noch bevor die Stadt Frankfurt in einem Musterprozeß ihr kommunales Kino ohne Einschränkungen durchsetzen konnte, ließ sich die Stadt Köln 1971 auf einen Kompromiß mit den örtlichen Filmtheatern ein: Das Kölner Kommunale Kino hätte nur solche Filme zeigen dürfen, die von den gewerblichen Kinos links liegengelassen wurden. Das Projekt wurde schließlich von der Stadt selbst kurzfristig aufgegeben: Die Subventionen flossen statt dessen in die bereits bestehende, von einem Verein getragene ‚Cinemathek’.“(Anno Löcher, Ulrike Meier, S. 123)

Eine neue Kinokultur

Auch die sogenannten Programmkinos haben ihren Ursprung in der ersten Hälfte der siebziger Jahre. Sie standen im gewerblichen Sektor für eine „andere“ Filmkultur. Zeitgleich gründeten mehrere Filmemacher, Drehbuchautoren und Produzenten 1971 den Filmverlag der Autoren (u.a. Hark Bohm,  Peter Lilienthal, Veith von Fürstenberg, Laurens Straub, Wim Wenders und Hans W. Geissendörfer). Ziel war es Produktion, Rechteverwertung und Verleih gemeinsam zu organisieren. Ab 1974 konzentrierte sich der Filmverlag auf den reinen Vertrieb, mit dem Schwerpunkt Neuer Deutscher Film, Erstlingsfilme und ausländische Autorenfilme.

1974 öffnete das Kino Unicenter im gleichnamigen neuerbauten Hochhaus an der Luxemburger Straße seine Tore. Schwerpunkt des Programms waren Erstaufführungen. Die zwei Lupe-Kinos und das Savoy am Zülpicher Platz  führten ihre Programmarbeit als gewerbliche Kinos wie gehabt fort.

Die Kinolandschaft verändert sich


H. Holzapfel vor dem "Broadway", Ehrenstraße

Manfred Wegener

Ab 1982 kam Bewegung in die Kölner Kinoszene: Den Anfang machte das 1982 eröffnete Broadway in der Ehrenstraße (ehemals City), das mit drei Sälen sofort zu dem zentralen Programmkino Kölns wurde. Der Kinobetreiber, Heinz Holzapfel, hatte daneben noch Kinos in Düsseldorf und vertrat mit Concorde einen der großen europäischen Filmverleihe. 1985 kam als zweite Spielstätte die zum OFF-Broadway umbenannte und renovierte Lupe dazu, 1987 das Odeon-Kino in der Severinstraße (das ehemalige Theater im Vringsveedel von Trude Herr).

Kurzzeitig versuchte sich auch das Unicenter mit einem zweiten Standbein, dem Casablanca am Barbarossaplatz, doch mussten beide Kinos bereits 1985 wieder schließen. Damit blieb das Weisshaus-Kino das einzige für die Stadtteile Sülz und Klettenberg. Im Gegensatz zu anderen Kinobetreibern hatte Manfred Kremer den großen Saal mit über 300 Plätzen nicht weiter verkleinert. Und statt in eine neue Innenausstattung investierte er in eine Dolby-Stereo-Tonanlage. Der Stadtteil Mülheim besaß noch bis 1985 ein Kino, das Stern am Clevischen Ring, dann kam das Aus.


Stern-Kino in Mülheim

Manfred Wegener

Der Ufa-Konzern trat 1982 mit einem firmeneigenen ‚Programmkino’, dem Metropolis am Ebertplatz in Erscheinung (vorher Burgtheater). Die Konstellation funktionierte allerdings nicht und nach einer kurzen Unterbrechung eröffnete das Kino 1986 wieder, diesmal als unabhängiger Abspielort.

Auch ein ganz kleines Kino begann ab 1988 noch einmal neu: die Filmpalette in der Lübecker Straße mit 70 Sitzen. In den sechziger Jahren war das Kino als 16mm-Kino eröffnet worden und überlebt dann als Pornokino. (Dazu: "Marsch & Knepperges zeigen")

Mehr und weniger Kinos ab 1986

Für das alteingesessene Lux am Dom kam 1986 das Aus, das Kino auf der Hohe Straße war zum Schluss eines von vielen Ufa-Kinos. In unmittelbarer Nähe war inzwischen das neue Museum Ludwig gebaut worden, die Cinemathek zog hier 1986 mit ihrem regelmäßigem Programm in den Kino- und Vortragssal ein.


Das "Sesselkino" im Filmhaus

Kölner Filmhaus

In einem Hinterhofgebäude der Luxemburger Straße im ersten Stock organisierten die Mitglieder des Kölner Filmhauses ihr Sesselkino bis 1986. Der Name bezog sich auf die Mischung unterschiedlichster Sperrmüll-Sessel, der Projektor stand hinten im Raum, dafür aber standen Film- und Diskussionskultur mit Gästen im Mittelpunkt. Gezeigt wurden Dokumentarfilme und experimentelle Arbeiten, Filme, die keinen Platz im normalen Kinobetrieb fanden. U.a. fand hier 1985 eine Mauricio-Kagel-Reihe statt.

1986 zog das Sesselkino dann um in die Venloer Straße und wurde zum Stadtgarten-Kino, Träger des Kinos waren neben dem Filmhaus, der Stadtgarten und die Firma 235 media, die Video-Editionen und Videokunst vertrieb. Joachim Kühn, der als Filmvorführer im Filmhaus begonnen hatte, wurde hier Programmleiter. Im Stadtgarten-Kino stammten die Kinosessel der ersten Generation übrigens von British Airways und boten neben Anschnallgurten auch eingebaute Tabletts für Getränke.

David neben Goliath?


Baugrube für den "Cinedom" 1990

Manfred Wegener

Eine Zäsur für die Kinolandschaft waren die Multiplex-Kinos, große Kinobauten mit mehreren Sälen, großflächigen Leinwänden, hervorragender Technik und einem Angebot an Cafes, Bars und Restaurants im selben Gebäude. Multiplex – das war das Gegenteil der Schachtelkinos der siebziger Jahre.

1990 eröffnete mit dem UCI in Hürth das erste Multiplex-Kino in Deutschland, es folgten weitere in Bochum und Essen. Seit 1991 existiert der Cinedom in Köln mit 14 Sälen und 3.510 Plätzen. Für die Kinos am Ring, in deren unmittelbarer Nähe der Cinedom lag, bedeutete die Neueröffnung eine starke Konkurrenz. Sie bauten wieder um. Aus den kleinen Schachteln wurden wieder größere Säle, Ton- und Bildqualität wurden verbessert. (Fernsehbeitrag zur Entwicklung der Kinos)


Viel Platz in einer ehemaligen Lagerhalle

Cinenova

Eine Ausnahmerscheinung in der wachsenden Kinolandschaft dieser Jahre war das Cinenova in Ehrenfeld: nicht das Kino wurde zum Supermakt, sondern hier wurde 1996 eine Lagerhalle zum Kino umgebaut. Darüber hinaus liegt der große Gebäudekomplex mit drei Sälen und Gastronomie nicht im Innenstadtbereich, sondern „am Rand“, in Ehrenfeld. Seitdem verfügt der Stadtteil Ehrenfeld, in dem es um 1956 herum elf Kinos gegeben hatte, wieder über ein Kino.

Vielfalt der freien Szene

Parallel zu den Entwicklungen im laufenden Kinobetrieb setzte sich die Filmkultur in Köln seit Mitte der achtziger Jahre zunehmend aus einer Vielzahl von Filmreihen unterschiedlicher Veranstalter zusammen.
Die sogenannte „freie Filmszene“ wuchs, neue Initiativen kamen hinzu und erweiterten das Filmprogramm der Stadt um Themen, politische Reihen und Retrospektiven, Länderschwerpunkte und Filmgeschichte, kurz: um all die Filme, die sonst nicht oder nur selten in Kölner Kinos zu sehen gewesen wären.


Kinosaal in der BRÜCKE, erbaut von Riphahn

Dazu gehörten u.a. das Frauenfilmfestival Feminale seit 1985, das Allerweltskino ab 1986, FilmInitiativ ebenso wie das Kinderfilmfest des Jugendfilmclub „Cinepänz“ seit 1989, ShortCuts Cologne oder das Mittelmeerfestival. Sie alle präsentieren ihre Programme an wechselnden Abspielorten, so wie auch der Filmclub 813, der 1990 gegründet wurde, zunächst in verschiedenen Kinos sein Programm machte. Seit 1995 bespielt er regelmäßig das Kino im British Council und setzte das auch nach dessen Wegzug 2001 als Kino 813 in der BRÜCKE fort.

Von Schachtel-und Programmkinos