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Gespräch mit Joachim Kühn, im August 2012

Gemeinsam mit Dirk Steinkühler ist Joachim Kühn Besitzer der Filmpalette und des Real Fiction Filmverleih

Der Weg zum Kino

1983 kam ich nach Köln und hatte relativ schnell Kontakte zum Kölner Filmhaus. Ich arbeitete bei der Produktion erster Filme mit und besuchte das Sesselkino des Filmhauses. Es gab noch einen weiteren Weg, der mich zum Kino führte.
Neben meinem Studium der Philosophie, Germanistik und Soziologie jobbte ich unter anderem bei 235 Media, einer jungen Firma, die sich der Vermittlung von Independent-Musik und Videokunst widmete. So kam ich zum Stadtgarten und schließlich zum Kino.

Film und Kino - ein beruflicher Schwerpunkt von Anfang an?

Nein, ich habe in den 1980er-Jahren Musik gemacht und bin auch im Bereich Theater und Musik-Theater mit eigenen Produktionen unterwegs gewesen. Ich habe bei der Studiobühne Theater gespielt, bei diversen anderen Produktionen als Schauspieler mitgewirkt, experimentelle Independent-Musik gemacht und Schallplatten herausgebracht. Zu diesem Zeitpunkt war auch die bildende Kunst angesagt. Damals hatte ich Kontakt zur Fachhochschule, die in diesem Bereich interessant war. Ich habe auch als Aktmodell gearbeitet. Damit habe ich hauptsächlich mein Geld verdient. Vieles lief parallel. Das Filmvorführen im Stadtgarten Kino, später in der Filmpalette, auch in anderen Kinos, in der Lupe beispielsweise und in der Volkshochschule, war nur ein Job nebenbei. Ernsthaft in Richtung Film ging es erst mit der Gründung des Filmclub 813 Anfang 1992.

Das Stadtgarten Kino

Mit der Eröffnung des Stadtgartens im Jahre 1986 nahm das Stadtgarten Kino seinen Betrieb auf. Betreiber waren 235 Media, das Kölner Filmhaus und die Initiative Kölner Jazz Haus e.V. Elke Kimmlinger vertrat das Filmhaus, Eckhard Wirtz 235 Media. Bei der Gründung war ich noch nicht dabei. Später fehlte es an Filmvorführern und so arbeitete ich neben meinem Studium gemeinsam mit Tom Kösel und Bernhard Marsch als Vorführer im Stadtgarten. Im Stadtgarten Kino lief ein sehr spezielles Programm, u.a. viele Videokunst-Filme. Das war für die damalige Zeit nicht ungewöhnlich. Solche Filme wurden auch im Broadway Kino gezeigt.

Stark vertreten waren auch amerikanische Filme, beispielsweise Herschell Lewis Filme. Das waren C- und D-Pictures, die wir rauf und runter spielten. Das war Kult. In den 1980er-Jahren war Herschell Lewis dann auch hier. Wir spielten auch best-off-Filme von Festivals. In den Zeiten des Stadtgarten Kinos gab es einen Aufbruch im Bereich Film, Video, Musik mit Underground- und Independent-Filmen, die im Kino ansonsten nicht zu sehen waren.

Vom Stadtgarten-Kino zum Kölner Filmhaus-Kino

Wir zeigten Videos und 35 mm Filme. Der Beamer war ein Riesenmonstrum. Die Aufstellung und die Bedienung war eine Wissenschaft für sich. Drei Röhren mussten deckungsgleich projizieren. Sie waren unter der Decke fest installiert. Damals gab es noch die Flugzeug-Sitze. Das Kino hatte 70 Plätze mit Stühlen von British Airways. So fing es mit dem Stadtgarten-Kino an.

Nach und nach habe ich im Stadtgarten weitere Aufgaben übernommen. Ab 1992 war ich schließlich für das Programm des Stadtgarten Kinos verantwortlich.

Das Kölner Filmhaus war inzwischen als Betreiber ausgeschieden, das Kino gehörte mittlerweile zum Stadtgarten, der von der Initiative Kölner Jazz Haus e.V. geführt wurde. Änderungen gab es nicht nur auf Seiten der Betreiber, sondern auch im Programm. Die Videokunst-Zeiten aus den 80er-Jahren waren vorbei. Wir haben Premieren und Filmnächte veranstaltet, mit Stefan Holl u.a. Programme mit außergewöhnlichen Hongkong-Filmen, auch Filmpremieren mit den Brüdern Dubini und mit Dietrich Schubert. Wir spielten Dokumentarfilme und deutsche Nachwuchsfilme. Auch die ersten Ausgaben von Stranger than Fiction fanden im Stadtgarten Kino statt.

Das Kino hatte ein großes Potential für neue Entwicklungen, beispielsweise im Bereich Multimedia. Wir haben vom Kino aus auch in den großen Konzertsaal projektiert. Das war eine gute Zeit mit viel Raum für Experimente.

Als sich abzeichnete, dass es im neuen Kölner Filmhaus in der Maybachstraße ein Kino geben wird, wurde das Kino im Stadtgarten, das vom Konzertbereich beansprucht wurde, 1996 geschlossen. Bis das Kino in der Maybachstraße 1998 eröffnet wurde, gab es eine große Lücke, denn das Stadtgarten Kino war nicht nur für den Filmclub 813, sondern für die gesamte freie Filmszene eine wichtige Abspielstätte. Das Kino im British Council stand noch nicht zur Verfügung. Und auch das Kino in der Volkshochschule am Neumarkt lag brach. Einen ständigen Abspielort wie das Stadtgarten Kino gab es für die freie Filmszene nicht mehr

Das Stadtgarten Kino im Ensemble der Kölner Kinos

Das Stadtgarten Kino besetzte eine Nische. Wir haben zwar auch Erstaufführungen gespielt, aber wir waren weit davon entfernt uns um Filme zu bewerben, die andere Kinos gespielt hätten.

Das Kino hatte über Köln hinaus an Bedeutung gewonnen, weil es Angebote machte, die man ansonsten nicht sehen konnte. Es gab legendäre Filme wie „Punk in London“. Die Mitglieder der Jazzhaus-Initiative wunderten sich, welches Publikum plötzlich im Stadtgarten auftauchte. Die Werbung lief über ganz eigene Kanäle. Die Zuschauer kamen sogar aus dem Ruhrgebiet nach Köln.

Die Technik war allerdings auch immer ein Kampf. Riesenprobleme gab es mit dem Beamer, der irgendwann nicht mehr funktionierte. Das Kino sollte möglichst keine Kosten verursachen. Es gab dennoch immer wieder Situationen, in denen mehr Geld ausgegeben wurde als eingenommen. Am Jahresende gab es schon mal Defizite und das fanden die Betreiber selbstverständlich nicht gut.
Als die Auszeichnungen vom BKM (dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien) kamen, die zeigten, dass das Kino auch außerhalb von Köln geschätzt wurde, war das Kino akzeptiert. Es war gut, dass es so ein Experimentierfeld gab, dass nicht unter extremen Kostendruck stand. Daraus hat sich viel entwickelt. Mit Stefan Holl habe ich die ersten Hongkong-Actionfilmveranstaltungen organisiert, für die wir Filme von Weltvertrieben nach Köln holten. Damit wurden die Anfänge für unsere späteren Filmverleiher-Tätigkeiten gelegt.

Der Real Fiction Filmverleih

Den Filmverleih habe ich noch während meiner Tätigkeit im Stadtgarten Kino gegründet. Ich bin viel zu Festivals gefahren und am meisten beeindruckten mich Dokumentarfilme. Zu dieser Zeit gab es kaum Dokumentarfilme im Kino.

Es gab eine große Diskrepanz zwischen der Qualität der Filme, die auf den Festivals zu sehen waren und die im Kino liefen. Stefan Holl hat 1996 den Rapid Eye Movies Verleih gegründet, ich entwickelte im selben Jahr den Real Fiction Filmverleih. Für mich war das ein spannendes Feld. Der Filmverleih war nicht primär profitorientiert. Es war mehr das Interesse, Filme in die Kinos zu bringen, das mich antrieb.

1998 eine neue Phase:
Der Umzug des Kölner Filmhauses von der Luxemburger Straße in die Maybachstraße

Ich war von Anfang an dabei. Ich hatte bereits die Bauphase begleitet. Das war zwischen 1996 und 1998. Konkret wurde 1997 mit dem Umbau begonnen.

Bis dahin lief bei mir viel parallel. Mit den Umbau-Arbeiten des Kölner Filmhauses ließ sich das nicht mehr verbinden. 1998 habe ich die Leitung des Filmhaus Kinos als festangestellter Mitarbeiter des Kölner Filmhauses übernommen.

Das Kino war bei der Eröffnung noch eine Baustelle. Der Boden musste mit Teppichen ausgelegt werden, weil es noch keinen Fußboden gab.

Das Filmhaus-Kino

Das Kino hat 99 Plätze und ein großes Foyer. Technisch konnten 16 mm-, 35 mm-Filme und Videos gezeigt werden. Im Programm liefen Filme, die ansonsten in Köln nicht zu sehen waren. Zu dieser Zeit wurden in Köln eher Kinos geschlossen als neu eröffnet oder erweitert. Die Cinemathek gab es schon nicht mehr und am Ring machten die Kinos zu. Es gab ein großes Angebot von Filmen, die man zeigen konnte, ohne anderen Kinos Konkurrenz zu machen. Und es war ein Ort, wo Filmfestivals stattfinden konnten, ein neuer, attraktiver Ort. Ein, zwei Jahre später wurde auch das Open-Air-Kino auf der Wiese im Media-Park etabliert.

Es ging darum, das Kino so gut wie möglich zu vernetzen. Wir suchten den Kontakt zur freien Szene, dafür sollte das Kino ein Abspielort sein. Das war ein guter Prozess. Wir hatten viel Unterstützung, auch von der Filmstiftung und dem Bundesbeauftragen für Kultur und Medien (BKM).

Wir haben viele Filmpremieren veranstaltet und hatten Regisseure und Schauspieler zu Gast. Wir haben vieles selbst organisiert und viele Veranstaltungen in Kooperation mit anderen durchgeführt. Es waren auch sehr spezielle Veranstaltungen darunter wie beispielsweise das Afghanistan-Projekt. Wir zeigten häufig Dokumentarfilme, die sich einprägten, auch von Kölner Filmemachern wie Dietrich Schubert und Wolfgang Bergmann und den Dubinis. Es waren gute Veranstaltungen mit intensiven Gesprächen.

Das Kino hatte eine große Wirkung, es war für Köln wichtig. Intern, innerhalb des Kölner Filmhauses, gab es allerdings große Schwierigkeiten. Die Geschäftsführung des Vereins wechselte fast jedes Jahr.

Ich habe das Kino bis zum Jahr 2006 geleitet. Im Jahre 2005 gab es schon eine Übergangszeit, in der wir (Joachim Kühn und Dirk Steinkühler) das Kino in Eigenregie geführt haben. Es ging um die Finanzen des gesamten Hauses, die nie dauerhaft in den Griff zu bekommen waren. Einerseits mussten die Vereinsaufgaben des Filmhauses erfüllt werden, andererseits musste das Haus lukrativ bewirtschaftet werden. Das geschah über große Partys, die Geld einbrachten, aber auf Dauer gesehen keine Perspektive waren.

Die Filmpalette

Dann kam das Angebot, die Filmpalette zu übernehmen. Das war eine schwierige Geschichte, weil es ja das Kino um die Ecke war und in Konkurrenz zum Filmhaus stand. Das war 2005. Im Filmhaus gab es die finanziellen Engpässe und bis auf ein, zwei Mitarbeiter wurden alle Kollegen gekündigt. Auch das Kino konnte nicht mehr finanziert werden. Es blieb nur noch die Aus- und Weiterbildung.

Dirk Steinkühler, Holger Recktenwald und ich haben dann die Filmpalette übernommen, zunächst mit einem Saal und drei Jahre später mit einem zweiten Saal und den Verleih weitergeführt.

Das Programmangebot der Filmpalette

Wir sehen uns vor allem als ein Kino, das Erstaufführungen exklusiv spielt. Dabei unterliegen wir nicht dem Zwang, alle erfolgreichen Filme spielen zu müssen, egal ob es die dritte oder fünfte Kopie des Films in Köln ist. Im Zweifelsfalle spielen wir von den vielen Filmen, die im Angebot sind, die Filme, die woanders gar nicht laufen. Ab und zu spielen wir Filme, die auch im Odeon oder im Cinenova laufen – aber im Grunde haben wir ein sehr individuelles Kinoprogramm mit einem starken Schwerpunkt bei Dokumentarfilmen. Auch im Arthouse-Bereich sind es eher die Filme, die kein anderes Kino in Köln zeigt, wie im Jahre 2012 „We need to talk about Kevin“. Viele Filme gibt es nur bei uns. Der zweite Saal stärkt das Kino gegenüber den Verleihern.

Das Publikum

Wir haben ein großes Stammpublikum, das einfach goutiert, Arthouse-Filme und Dokumentarfilme zu sehen und klassischerweise ein eher älteres Publikum ist. Da wir im Programm sehr variieren und nicht nur den gehobenen Arthouse-Film spielen, haben wir eine große Bandbreite im Publikum. Es gibt auch Filme, die die 20 plus-Generation besucht, junge Zuschauer, die oftmals noch nie in der Filmpalette waren und nur über einen einzelnen Film zu uns gelangen.

Ich kenne das Kino noch aus den 80er- und 90er-Jahren. Die Publikumsstruktur hat sich seitdem extrem geändert. Damals war das Hauptpublikum das studentische Publikum. Das ist inzwischen eher marginal.

Rückblick

Es liegen Welten zwischen den Programmen, die wir damals im Stadtgarten Kino gezeigt haben, und die wir heute machen können. Man kommt sich fast wie ein Archäologe im eigenen Leben vor, wenn man zurückblickt, oder auch Filme aus dieser Zeit noch einmal sieht.

Dennoch schließen sich manche Kreise. Wir haben im letzten Jahr den Film „Unter Schnee“ von Ulrike Ottinger ins Kino gebracht. Sie war als Regisseurin in den 80er-Jahren sehr präsent. Jetzt hat sie mir ihren frühen Film „Bildnis einer Trinkerin“ gegeben, wo man nur noch staunt, wer alles mitgespielt hat. (Kurt Raab, Volker Spengler, Eddie Constantine, Ginka Steinwachs, Mercedes Vostell, Wolf Vostell, Anm. I.S.)
Was war das für eine Zeit gewesen! Ästhetisch ist er völlig aus der Zeit gefallen. Aber es ist unglaublich schön zu sehen, was da für eine Szene zusammen kam, welche verschiedenen Biografien sich dort kreuzten. Es war die Fassbinder-Generation, die sich später in verschiedenste Richtungen entwickelte. So bin ich bei Ulrike Ottinger gelandet, die jetzt ihren 70sten Geburtstag gefeiert hat. Wir überlegen, Filme, die für mich weit vergraben waren, wieder ins Kino zu bringen oder auf DVD. Und auf einmal schließen sich die Kreise und es bilden sich Kontinuitäten heraus, an die man selbst nie gedacht hätte.

Die Zukunft der Filmpalette im Zeitalter der Digitalisierung

Wir sind das letzte Kino in Köln, das noch nicht digitalisiert ist (inzwischen schon, nämlich seit Juni 2013, I.S.). Das Wichtigste ist, dass man sich durch die Dynamik des Mediums nicht aus der Ruhe bringen lässt. Alles wird immer hektischer, immer schneller, die Laufzeiten der Filme im Kino immer kürzer. Dem wollen wir auch im digitalen Zeitalter noch etwas entgegensetzen.

Bei uns läuft das Kino im Moment sehr gut, und wir glauben, dass es auch in absehbarer Zeit so weiterlaufen wird. Wir haben ein Publikum, das unser Angebot schätzt, eben auch mit den entsprechend langen Laufzeiten der Filme.

Spannende und gute Filme, die gut rausgebracht werden, werden nach wie vor goutiert. Die Programmgestaltung ist das Grundlegende. Häufig läuft das Angebot immer mehr auf die Spitzen hinaus, auf die Filme, die scheinbar sicher sind. Das Programm verliert damit an Breite. Und irgendwann haben die Besucher das Interesse verloren. Die kommen dann nur schwer wieder.

Wir merken, wenn man das Interesse des Publikums kontinuierlich weckt und die Leute sich verlässlich danach richten können, dass es ein besonderes Angebot gibt, dann funktioniert das Kino. Da habe ich für die bundesweite Entwicklung eher Bedenken, auch aus der Sicht des Verleihs heraus. Es gibt zunehmend Städte, in denen es immer schwieriger wird, Kinos mit besonderen Filmen zu bedienen. Im Verleih spielt auch die Digitalisierung eine größere Rolle. Mittlerweile werden Filme nur noch digital angeboten.

Das Gespräch führte Irene Schoor