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Im Schaukasten finden Sie eine Auswahl an Artikeln, Buchbesprechungen und Filmkritiken zum Thema "Köln im Film".

 

Bärenstarke Filme aus Köln

Mit zahlreichen Spiel- und Dokumentarfilmen präsentierten sich Kölner Produktionsfirmen auf der diesjährigen Berlinale


Beim Jubiläumsfestival, den 60. Internationalen Filmfestspielen in Berlin, hatte auch die Kölner Filmproduktion Heimatfilm allen Grund zum feiern: die deutsch/türkische Koproduktion „Bal/Honig“ von Semih Kaplanoglu wurde im offiziellen Wettbewerbsprogrammn mit dem „Goldenen Bären“ ausgezeichnet.


Bora Altas in "Bal"

Quelle: Berlinale 2010

„Bal“ schildert eine Welt voller unbekannter Geräusche und Farben. Mit den großen Kinderaugen des Hauptdarstellers Bora Altas nimmt der Zuschauer teil am Leben des sechsjährigen Yusuf, der in einer entlegenen Bergwelt an der Schwarzmeerküste aufwächst. Die karge Schönheit der Natur, das Handwerk des Vaters, der als Imker die Familie ernährt, die traditionelle Frömmigkeit und die Zeit, die hier stillzustehen scheint, könnte eine Kindheitsidylle sein. Und doch wird in feinen Schwingungen Unruhe spürbar: Etwa wenn Yusuf beim Vorlesen vor der Klasse vor Angst stottert oder in den Pausen allein im Schulzimmer zurückbleibt, von den Klassenkameraden gemieden. In diesem Jahr bleiben die Bienen aus, weswegen der Vater in ein entlegenes Tal gehen muss, da die Lebensgrundlage der Familie gefährdet ist. Die Tage vergehen: Für Yusuf und seine Mutter wird das Warten auf seine Rückkehr zur Qual. Dem Jungen fehlt der Vater ganz besonders, denn ihm allein war es möglich, die Sprachstörung des Sohnes zu überwinden.

In stimmungsvollen Bildern zeigt Semih Kaplanoglu wie Yusuf das Mysterium Kindheit entschlüsselt, gespiegelt in der urwüchsigen Natur, die er als schön und gefährlich zugleich erlebt.


"Bal" von Semih Kaplanoglu

Quelle: Berlinale 2010

Mit „Bal“ schließt Kaplanoglu seine rückwärts erzählte Trilogie über den Werdegang des Dichters Yusuf ab. Der erste Teil, „Yumurta“ (Ei), wurde vor vier Jahren in Cannes gezeigt und handelt von dem reifen Yusuf, der zweite „Süt“ (Milch), wurde vor zwei Jahren in Venedig uraufgeführt, und erzählt von dem Heranwachsenden, der dritte nun, führt zum Ursprung, der Kindheit zurück. Der mit Poesie und Magie erzählte Film war einer der wenigen Highlights des offiziellen Wettbewerbs der Geburtstags-Berlinale.

Weitere Filme von Kölner Filmproduzenten im Programm der 60. Berlinale 2010


Mit einer großen Vielfalt an Themen und Formen waren Kölner Produktionen auch im 60. Geburtstagsjahr der Berlinale im internationalen Programmkontext wieder stark vertreten. 

Gleich vier Filme hatte die Kölner Filmproduktion Lichtblick im Programm: In der Sektion „Panorama“ liefen die Dokumentarfilme „I shot my love“ (von Tomer Heymann) und „David wants to fly“ (von David Sieveking).


Regisseur David Sieveking in "David wants to fly"

Quelle: Berlinale 2010

Während der israelische Regisseur Tomer Heymann in einem intimen Porträt die Geschichte seiner Liebe zu einem jungen deutschen Tänzer erzählt, den er, 70 Jahre nach der Flucht seines Großvaters aus Nazideutschland, in Berlin kennenlernte, folgt Regisseur David Sieveking seinem Vorbild, dem Regisseur David Lynch, in die Welt der transzendentalen Meditation (TM). Für Lynch ist TM die Quelle der Kreativität und der Schlüssel zum Erfolg. Sieveking pilgert auf den Spuren der TM-Bewegung und erfährt mehr über den Gründer der Bewegung, Maharishi Mahesh Yogi, der die Transzendentale Meditation zur größten Meditations-Organisation der Welt entwickelt hat. In ihren Kursprogrammen verspricht die Bewegung nichts Geringeres als den Weltfrieden und yogisches Fliegen. Auch Sieveking leistet sich das teure Meditations-Training. Doch seine Recherchen kommen einigen wohlgehüteten Geheimnissen zu nahe und David Lynch, wichtiger Repräsentant der Bewegung, reagiert mit einer Klagedrohung. Mit erfrischender Selbstironie verknüpft der junge Regisseur spirituelle Erfahrungen und skurrile Beobachtungen in einem kurzweiligen filmischen Tagebuch.

Rebecca Dalys "Hum", ebenfalls eine Lichtblick-Produktion, eröffnete den Berlinale Talent Campus und gehörte zu den nominierten Kurzfilmen im Wettbewerb um den Berlin Today Award 2010.

Zu den Filmen von Lichtblick zählte auch „Was Du nicht siehst“, von Wolfgang Fischer (Buch und Regie) in der Reihe „German Cinema“. Der Mystery-Psycho-Thriller erzählt die Geschichte des 17-jährigen Anton, der auf einer Urlaubsreise an die Atlantikküste durch die Begegnung mit einem mysteriösen gleichaltrigen Paar in einen manipulativen Sog von Verführung und Gewalt getrieben wird. Das Kinodebüt des ehemaligen KHM-Absolventen überzeugt mit beeindruckenden Bildern des Kameramannes Martin Gschlacht und den Leistungen der talentierten Nachwuchsdarsteller Ludwig Trepte, Frederick Lau und Alice Dwyer.


"Portrait deutscher Alkoholiker"

Quelle: Berlinale 2010

Drei weitere Filme von Absolventen der Kunsthochschule für Medien in Köln liefen im Programm der Berlinale: Das Langfilmdebüt von Carolin Schmitz, „Porträts deutscher Alkoholiker“ in der Sektion „Perspektive deutsches Kino“ lässt Menschen von ihrer Alkoholsucht berichten, die im Film wie im Leben unsichtbar sind: heimliche Alkoholiker wie die Mutter eines behinderten Kindes, der Geschäftsführer einer Firma, eine Narkoseschwester in einer Klinik. Während sie von ihrer Sucht erzählen, sieht der Zuschauer Bilder einer scheinbar intakten Gesellschaft. Die erschütternden Erzählungen überlagern die Bilder und lassen den Zuschauer nach den Zerstörungen und Beschädigungen suchen, unter denen die Erzähler leiden. Die Geschichten der Protagonisten weisen über die persönlichen Schicksale hinaus und verweisen auf ein gesellschaftliches Problem.


"Narben im Beton"

Quelle: Berlinale 2010

Ebenfalls in der Reihe „Perspektive deutsches Kino“ stellte Juliane Engelmann ihren 30-minütigen Abschlussfilm an der Kölner Kunsthochschule für Medien (KHM) vor: „Narben im Beton“ handelt von der 23-jährigen Anna, die, von ihrem Mann verlassen, mit der Erziehung ihrer drei Kinder überfordert ist. Eine erneute Schwangerschaft verdrängt sie solange, bis sie selbst von der Geburt überrascht wird. Während sie das Kind heimlich im Bad zur Welt bringt, sind ihre Kinder im Wohnzimmer sich selbst überlassen. Die Situation eskaliert, als diese, vom Stöhnen der Mutter verängstigt, vehement gegen die Badezimmertür klopfen. Juliane Engelmann ist es gelungen, die tragische Geschichte mit großem Einfühlungsvermögen zu erzählen. Dazu trägt das Spiel der Darsteller ebenso bei wie die sensible Kameraführung, die dem Film fast schon dokumentarische Züge verleiht. Mit feinem Gespür vermeidet die junge Regisseurin jegliche Klischees und zieht den Zuschauer in das Geschehen hinein.

Mit dem Experimental-Kurzfilm „Paradise later“ von Ascan Breuer (13 Min.) war ein weiterer Film der KHM in Berlin zu sehen. Während aus dem Off der Bericht eines Handelsvertreters an den Vorstand eines Unternehmens zu hören ist, der von Selbstzweifel und Anklagen geprägt ist, folgt die Kamera einem trägen Flusslauf am Rande einer tropischen Metropole.


"Tanzträume - Jugendliche tanzen Kontakthof"

Quelle: Berlinale 2010

Die Kölner Filmproduktion Tag/Traum erinnerte mit ihrem Dokumentarfilm „Tanzträume – Jugendliche tanzen Kontakthof“ (Berlinale Special) eindrucksvoll an die im letzten Jahr verstorbene Choreografin Pina Bauch. Anne Linsel und Rainer Hoffmann dokumentieren ein Jugendprojekt, in dem unter der Superversion von Pina Bausch und der Leitung der ehemaligen Bausch-Tänzerinnen Jo Ann Endicott und Bénédicte Billiet Wuppertaler Jugendliche das Stück „Kontakthof“ einstudieren.

Die Reihe „Perspektive deutsches Kino“ eröffnete mit der herausragenden Nachwuchsproduktion “Renn, wenn du kannst“, Buch Dietrich und Anna Brüggemann, Regie Dietrich Brüggemann von der Kölner Filmproduktion Wüste Film West, in Koproduktion mit Wüste Film Ost, SWR, WDR und Arte. Zusammen mit seinem neuen Zivi verliebt sich Benjamin, der im Rollstuhl sitzt, in Annika. Was für alle drei wie ein Spiel beginnt, wird für Ben eine Reise zu seinen größten Ängsten.


"Der Tag des Spatzen"

Quelle: Berlinale 2010

In der Sektion „Forum“ machte sich Philipp Scheffner in „Der Tag des Spatzen“ mit der Akribie eines Detektivs auf eine fantastische Spurensuche und spannt dabei einen Bogen zwischen Vogelimpressionen und der Beteiligung der Bundeswehr in Afghanistan. Der Film entstand in Koproduktion von Pong, Berlin und Blinker Filmproduktion, Köln, Worklights Media Production, Werkleitz, ZDF und Arte.

Ebenfalls im „Forum“ lief „Bibliotheque Pascale“, eine Koproduktion der Gilles Mann Filmproduktion, Köln mit M&M Film, Budapest, Sparks, Budapest und TV2, Budapest. Der ungarische Regisseur Szabolcs Hajdu verpackt die Geschichte einer alleinerziehenden osteuropäischen Mutter, die als Prostituierte in Liverpool landet, in prallbunte Bilder.
Drei weitere Filme im Programm der Berlinale wurden in Köln gedreht: Henri IV (Regisseur Jo Baier) setzte mit Starbesetzung und großem technischen Aufwand Heinrich Manns historischen Roman „Henri Quatre“ in Szene und in „Jud Süss – Film ohne Gewissen“ versucht Oskar Roehler eine Annäherung an den Hauptdarsteller des NS- Propagandafilms Ferdinand Marian.

In „Wüstenblume“ (Sektion „German Cinema") verfilmte Regisseurin Sherry Hormann den autobiografischen Roman der Somalierin Waris Dirie, die in einem Londoner Fastfood-Restaurant von einem Starfotografen als Model entdeckt wurde und sich später aufgrund ihrer eigenen Leidensgeschichte leidenschaftlich gegen die weibliche Genitalverstümmelung einsetzte.

Bleibt zu wünschen, dass sich die starke Präsenz Kölner Produktionen auf der Berlinale bald auch im Kino widerspiegelt.

Irene Schoor

 

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