Die Gruppe und ihre Programmarbeit
Die Programmarbeit von XSCREEN füllte Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre, eine Lücke, die von dem Publikum ihrer Veranstaltungen deutlich wahrgenommen wurde. Denn in den Kinos dieser Zeit liefen vor allem Filme mit Titeln wie z.B. „Der Hexenjäger“, „Eine Kugel für den Bastard“ (Italo-Western) „Klassenkeile“ (sogenannter Paukerfilm mit Uschi Glas). Dazwischen „Yellow Submarine“ mit den Beatles, „Doktor Schiwago“ und „Agenten sterben einsam“ mit Clint Eastwood. (Aus einem Kölner Kinoprogramm im Mai 1969). Dazu auch Spielfilme der sechziger Jahre.
Eine Ausnahme bildeten in Köln die Vorführungen der Arbeitsgemeinschaft für Filmfragen. Ende der fünfziger Jahre von Erwin K. Scheuch und Leo Schönecker an der Kölner Universität gegründet, zeigten sie in der Universität, der Volkshochschule und in der „Brücke“ (heute Kölnischer Kunstverein und Filmclub 813) ein ambitioniertes Programm mit Filmen aus Osteuropa, aus Frankreich und Italien. Im Februar 1968 beispielsweise liefen in der Aula der Universität Filme des amerikanischen Underground-Künstlers Gregory Makropoulous, der später auch in XSCREEN-Programmen zu sehen war.
Politische Filme machen oder Film politisch machen
Anfangs beteiligten sich bei XSCREEN auch Filminteressierte bzw. Filmemacher, die sich mehr an explizit politischen Themen oder dokumentarischen Arbeitsweisen orientierten wie Helma Sanders-Brahms und Dietrich Schubert. Zusammen mit anderen gründeten Schubert und Sanders-Brahms den Verleih „Polit Coop Köln“, durchaus in Abgrenzung zu XSCREEN, wie Schubert anmerkt. Trotzdem arbeiteten sie weiter zusammen und die Polit Coop organisierte ein Programm mit internationalen Filmen, das von XSCREEN in der Lupe präsentiert wurde. Beide schätzen auch im Nachhinein die Aktivitäten sowie die Initiative von XSCREEN als ausgesprochen anregend und wichtig ein.
Dietrich Schubert schreibt 2004:
„Für mich war die XSCREEN-Zeit die spannendste der Kölner Filmszene in den letzten 35 Jahren... Wir diskutierten intensiv warum wir Filme machen, wie wir erzählen, was uns wichtig ist. Dabei stritten zwei Fraktionen. Sollte man politische Filme machen oder Film politisch machen? Sollte man durch Filme mit politischem Inhalt gesellschaftliche Verhältnisse ändern wollen oder, wie zum Beispiel Otto Mühl und Kurt Kren in Wien, durch Filme und Aktionen provozieren, die tradierte Ästhetik zertrümmern?“ („Köln im Film – Filmgeschichte(n) einer Stadt“, Hg. Christa Aretz, Irene Schoor, Köln 2004).
Helma Sanders-Brahms arbeitete Ende der sechziger Jahre zunächst als Fernsehansagerin im WDR und fing dann an, selbst Filme zu drehen („Angelika Urban, Verkäuferin, verlobt“, 1970). Sie erinnert sich: „Köln war ein idealer Ort, die Stadt war ungeheuer lebendig. Ich hatte immer das Gefühl, wie eine Schizophrene zu leben, weil ich einerseits natürlich mich in die Maske begab und auf Ansagerin machte und ein Hausfrauengesicht ablieferte. Und wenn ich dann da fertig war, dann ging ich eben an dieser Orte in Köln, wo unter Umständen die Polizei wartete, um uns fest zu nehmen ... Es gab damals die XSCREEN-Vorführung in der Kölner U-Bahn, da bin ich zum Beispiel auch festgenommen worden. Und die waren natürlich völlig verwirrt, als jemand sagte, das ist die Ansagerin“ (2004).
Gegen Kommerz und Kulturbetrieb
XSCREEN setzte seine Arbeit in den folgenden drei Jahren kontinuierlich fort. Ein ganz wesentliches Merkmal der Vorführungen: XSCREEN zahlte pro Minute 1,50 € an die Filmemacher (damals 3 DM, und weit mehr als sonst für Experimentalfilm gezahlt wurde) – ein Novum und ein politisches Statement, wurden so doch erfolgreiche und weniger erfolgreiche Filmemacher und ihre Arbeit gleich behandelt.
Die Gruppe organisierte rund 80 Filmprogramme, u.a. mit Filmen von Luis Bunuel, Rosa von Praunheim, Andy Warhol, Jean Genet, Otto Muehl und Vlado Kristl, Jonas Mekas und Jack Smith, Jean Cocteau, Werner Nekes, Jean-Luc Godard und Malcom LeGrice, mit Filmen aus Japan, Kanada und Italien. Damit wurde auch in Köln gezeigt, was im internationalen Undergroundkino entstand oder bereits zur Geschichte zählte.
1971 gab das XSCREEN-Kollektiv ein Buch mit dem Titel „XSCREEN“ heraus. Der großformatige Band enthält zahlreiche Fotos, Filmstills und Materialen zu Kölner Veranstaltungen und zu Akteuren des internationalen Undergroundfilms. In der programmatischen Einleitung „Underground Film: gegen Kommerz und Kulturbetrieb“ heißt es:
„Die Bezeichnung Underground ist kein Stilbegriff, der die Filme klassifiziert, sondern sie gibt Auskunft über eine Situation: die Filme existieren im Untergrund, d.h. es gibt für sie keine Vorführstellen, keine Finanzierungsmöglichkeiten und keine Publikationsorgane. Der Undergroundfilm gehört in den großen Bereich der Subkultur, die sich seit den 60er Jahren mit Musik, Theater und Literatur parallel zur offiziellen Kultur entwickelt hat und zu einer weltweiten Bewegung der fortschrittlichen Kunst geworden ist... Mit dem kommerziellen Film hat der Undergroundfilm lediglich das Material gemeinsam; in Inhalt, Form und Produktionsprozeß haben beide Bereiche nichts miteinander zu tun.“
Mit den Aktivitäten von XSCREEN und den anderen Filmcooperativen in Hamburg, Berlin und München begann eine Entwicklung, die Anfang der siebziger Jahre zur Gründung von Kommunalen Kinos führte.

