Kölner Filmproduktionen während des Ersten Weltkriegs
Noch im Jahre 1916 war von den Folgen des Ersten Weltkriegs in den Kölner Kinos nichts zu spüren. In den Vorstellungen liefen Klassiker wie „Der Golem“, Lustspiele („Wie du mir, so ich dir“) und Detektivfilme wie „Das unheimliche Haus“.
Auch Kölner Filmproduzenten drehten vor allem Unterhaltungsfilme, beispielsweise „D’r Haas em Pott – Hasenbraten“ (1915), „ein brillantes Lustspiel in drei Akten“ nach einem Text des bekannten Kölner Sängers Willi Ostermann. Je länger der Erste Weltkrieg dauerte, umso mehr verschlechterte sich allerdings auch in Köln die Versorgungslage. Die Stadtverwaltung ließ für die hungernde Bevölkerung fahrbare Küchen einrichten und die Messter-Eiko-DLG-Wochenschau nutzte für einen Bericht über die „Entwertung der Deutschen Mark“ Aufnahmen vom Gedränge der Kölner um die Händler von Altwaren und alten Kleidern auf dem Kölner Heumarkt.
Kölns Filmproduzenten, allen voran Emil Schilling, der Besitzer des Kinos „Modernes Theater“, unterstützten den Krieg und erwiesen sich als echte Patrioten. Emil Schilling produzierte 1917 gemeinsam mit der "Kölnischen Zeitung" einen „Kriegsanleihefilm“, mit dem Geld zur Unterstützung des Krieges gesammelt wurde und für den er Mitglieder der Millowitschbühne als Darsteller gewann.
Die im Januar 1918 neu gegründete Rhenania-Film-Gesellschaft, Schmidt-Sturmburg & Co. nahm eine Kölner Legende als Stoff für ihren ersten Film „Richmodis von Aducht oder Der schwarze Tod“ (1918). Nach der Legende stand die schöne Richmodis zur Zeit der Pest aus ihrem Grab auf dem Friedhof an St. Aposteln wieder auf. Aus Dank dafür ließ ihr Gatte zwei steinerne Pferdeköpfe an seinem Haus anbringen, die noch heute in der Richmodstraße zu sehen sind.
Der Kölner Stadt-Anzeiger hob hervor, dass bei der Verfilmung der Sage „bewährte Kräfte des Kölner Schauspielhauses…mitgewirkt" und „künstlerische Schauseiten und Portale Kölner Kirchen und Gebäude“ als „zeitcharakteristischer Hintergrund und Schauplatz“ gedient hätten. Seine Uraufführung erlebte der Film im April 1918 im Kölner Gürzenich. Mit den Einnahmen aus den Eintrittsgeldern wurden „Kölner Kriegswaisen“ unterstützt.
Als preußische Garnisons- und Festungsstadt war Köln mit seinen zahlreichen, über das gesamte Stadtgebiet verteilten Kasernen und Forts im Krieg eine Drehscheibe für Truppentransporte. Für die Soldaten, die hier auf ihre Einsätze an der Front warteten, boten die Kölner Kinos Sondervorstellungen und "Militärlichtspiele" an. Am 6. November 1918 hatte der Spielfilm „Das K.V.-Sanatorium“ im Rahmen der Militärlichtspiele im Metropoltheater seine Uraufführung. Das „Lustspiel“ über die Liebe eines jungen Mannes zu einem Mädchen, dessen Vater die Beziehung ablehnt, ist nach dem Urteil der zeitgenössischen Filmkritik „...zwar nicht neu, aber immer amüsant. Pensionatsszenen, Jungen- und Mädelsstreiche, ulkige Titel helfen über die 1200 Meter hinweg, die hie und da besser photographiert sein könnten. Die Darsteller – soweit es Schauspieler sind – allen voran Peter Millowitsch, waren mit Liebe und Laune bei der Sache… Die Komparserie – Produkte der Cölner Kinoschulen – nahmen ihre Sachen sehr ernst und erzielten damit beim Fachmann den richtigen Heiterkeitserfolg. Die Zuschauer – außer Soldaten die Angehörigen der Mitwirkenden – verfolgten die Darbietungen mit großer Aufmerksamkeit, im Saal herrschte feierliche Stille. Der Schluß des Stückes bringt drei glückliche Paare und die Auflösung des Rätsels im Titel K.V….kolossales Verlobungs-Sanatorium.“
Am 7. November 1918, einen Tag, nachdem sich in Köln Soldaten bei „Militärlichtspielen" mit dem „kolossalen Verlobungs-Sanatorium“ vergnügt hatten, trafen 200 Marinesoldaten aus Kiel im Hauptbahnhof ein, um die Kölner zur „Revolution“ aufzurufen. Am 8. November 1918 formierte sich ein Kölner Arbeiter- und Soldatenrat. Am 11. November 1918 ging der Erste Weltkrieg mit der Unterstützung eines Waffenstillstands auch offiziell zu Ende. Die revolutionäre Bewegung breitete sich in kürzester Zeit in ganz Deutschland aus.
Die ersten Filmaufnahmen aus Köln nach dem Krieg zeugen von den politischen Ereignissen in der Stadt. „Apres l’armistice en Allemagne" (Nach dem Waffenstillstand in Deutschland) hieß ein Beitrag, den französische Kameraleute über den Rückzug der Deutschen für die Wochenschau „Pathé Journal“ drehten. Darin zu sehen waren Bilder von „deutschen Truppen in den Straßen Kölns“ und bei der Überquerung des Rheins.
Die französische Wochenschau war auch in den Kölner Kinos zu sehen, in denen trotz der Unruhen durch das Kriegsende und die Novemberrevolution die Vorstellungen weiterliefen. Allerdings hatten die Theaterleute dazu einige Schwierigkeiten zu überwinden. Um den reibungslosen Truppenabzug zu ermöglichen, hatte der Kölner Arbeiter- und Soldatenrat Reisebeschränkungen für Zivilisten erlassen. Selbst der Austausch von Filmkopien zwischen rechts- und linksrheinischen Kinos war zeitweise kaum möglich. Die Theaterleute mussten sich daher selbst um die Filmtransporte kümmern. Als der Wohlfahrtsausschuss unter Konrad Adenauer in Absprache mit der örtlichen Polizei auch noch die Sperrstunde auf 20 Uhr vorzog, um der revolutionären Wirren Herr zu werden, protestierten die Kaffeehausbesitzer, Kinoinhaber, Musiker und Schauspieler sowie die „Direktoren der Varietés und Cabarets“ gleichermaßen gegen die Verfügung. Der Protest hatte Erfolg und ab dem 3. Dezember 1918 wurde in Köln die Polizeistunde wieder auf 23 Uhr festgelegt. Die Abendvorstellungen in den Kinos konnten ungestört stattfinden und waren wie zuvor gut besucht.
Drei Tage später rückten die ersten britischen Truppen von Westen über die Aachener Straße kommend nach Köln ein und übernahmen die Kontrolle in der Stadt. Bei den Waffenstillstandsverhandlungen hatten die Siegermächte sich die Kontrolle über die Gebiete westlich des Rheins ausbedungen. Wieder waren es die Kameramänner der Firma Pathé Frères, die den „Einmarsch der Engländer in Köln" (Entree des Anglais à Cologne) filmten. Ein weiterer Wochenschaubeitrag Ende 1918 hatte den Titel „Avance des allies en Allemagne“ (Vorrücken der Alliierten nach Deutschland). Gezeigt werden Kolonnen von französischen und britischen Soldaten, die nach ihrer Befreiung aus deutscher Kriegsgefangenschaft in Köln auf die Fahrt in ihre Heimatländer warteten.
Für die Filmbranche war es - durch die Beschlagnahmung von Kinos für die britischen Soldaten und durch Reisebeschränkungen beim Transport von Kopien - unter den Einschränkungen der britischen Besatzer nicht leicht. Zwar wanderten einige Filmfirmen wie die „Rheinische-Film-Gesellschaft“ nach Düsseldorf ab, doch schon im ersten Nachkriegsjahr entstanden weitere Filmfirmen in Köln.
Jaul Dierichs (Ehrenstraße 1-3) zählte dazu, der wie schon vor dem Krieg, Filmapparate der französischen Firma Pathé verkaufte und reparierte. Er sicherte sich die Exklusivrechte für Filmaufnahmen beim ersten „Transport deutscher Soldaten aus der Gefangenschaft“, der am 26. Juli 1919 in Köln-Deutz eintraf.
Zu den ersten zivilen Ereignissen, die Dierichs aufnahm, gehörte das „Kölner 230-Kilometer-Rennen“ im Juni 1919, bei dem sich die besten deutschen Fahrer „um das goldene Rad vom Rhein und den großen Pfingstpreis“ bewarben. Als Vertriebspartner gewann Dierichs die Firma Knepper, die ebenfalls im Januar 1919, mit Sitz in Köln-Nippes (Simon-Meister-Str. 2) neu gegründet worden war, wo sie auch ein eigenes Filmatelier besaß. Die erste Spielfilmproduktion des neuen Nippeser Studios war der Film „Fessel der Liebe“, der 1919 in Köln gedreht wurde.
Zwar gab es in der Fachpresse, allen voran im „Kinematographen“ einige Skepsis, ob es in Köln genügend geschultes Personal und Ateliers gäbe, um mit den Berliner Firmen standhalten zu können, doch der Filmkritiker kam zu dem Schluß: „Kurz, so ganz unberechtigt ist die Scheu der Berliner Industrie vor Cöln nicht, aber meiner Meinung nach muß ein gewandter und energischer Fachmann überall arbeiten können und wenn es, wie man so sagt, „Pflastersteine regnet!“
Schon im September 1919 folgte eine weitere Produktion aus dem Haus Knepper: „Vom Frontsoldaten zum Kriegsgewinnler“, eine Komödie mit dem beliebten Kölner Kabarettisten Fritz Hückeswagen. „Ein gutgewählter, aktueller Titel zu einer Handlung, die besonders im ersten Akte auf urwüchsigem Humor gestimmt ist, in den folgenden Akten zwar ebenfalls heitere Szenen einschiebt, doch aber recht deutlich darauf hinweist, dass auch im Zeitalter des Schiebens der Ernst zur Arbeit nicht verlorengegangen ist – also ein Tendenzfilm, dessen Darsteller ein Gesamtlob verdienen,“ so „Der Kinematograph“, Nr.663, 1919.
An der Produktion beteiligt war auch die Bernd Sturm Sölling Film, die nach Kriegsende gegründet worden war und die Filme der Knepper-Brüder vertrieb. Sie realisierte in deren Nippesser Studio auch das Drama „Bitter ist des Schicksals Walten“. Trotz der ansässigen Filmproduktionsfirmen waren in den Programmen der Kinos Filme aus und über Köln weiterhin eine Seltenheit. Berliner Produktionen dominierten ebenso wie Filme aus dem Ausland, auf die die großen Verleiher bald wieder Zugriff hatten.



